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FCA Germany-Chefin: "Nichts ist schlimmer als Stillstand"

FCA Germany-Chefin
"Nichts ist schlimmer als Stillstand"
Maria Grazia Davino: "Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um unseren Partnern das Leben ein klein wenig leichter zu machen."
© Foto: FCA Germany
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FCA hat innerhalb kürzester Zeit zwei Hilfsprogramme auf den Weg gebracht, um seinen Vertragspartnern in der Krise zu helfen. AUTOHAUS hat mit Deutschland-Chefin Maria Grazia Davino über die Reaktion der Händler und den Umgang mit der Krise gesprochen.

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Von AUTOHAUS-Redakteur Armin Wutzer

AUTOHAUS: Frau Davino, Sie haben bei FCA als einer der ersten OEM ein umfangreiches Hilfspaket für Ihre Händler beschlossen und kürzlich ein zweites auf den Weg gebracht. Welches Feedback haben Sie aus dem Handel erhalten?

Maria Grazia Davino: Die Händler sind natürlich zunächst einmal genervt von der aktuellen Situation. Und glauben Sie mir: Mir geht es genauso auf die Nerven, dass die Zahlen runtergehen. Aber wir müssen versuchen, ruhig zu bleiben. Und den meisten gelingt das auch. Die Rückmeldungen aus dem Handel zu unseren Hilfsmaßnahmen waren darum sehr positiv. Wir haben sämtliche Maßnahmen umgesetzt, die wir in unseren beiden Schreiben an den Handel angekündigt haben. Daran hat mancher am Anfang offenbar nicht so recht geglaubt. Viele Händler freuen sich auch über die Geschwindigkeit, mit der die Aktionen vonstattengingen. Schnelligkeit war mir sehr wichtig. Wir haben bei FCA und der FCA-Bank alle bis spätnachts und am Wochenende gearbeitet, um das hinzubekommen. Wir setzen alle Hebel in Bewegung und tun alles, was in unserer Macht steht, um unseren Partnern das Leben ein klein wenig leichter zu machen. Ich finde, das ist unsere Verantwortung. Ich habe einen Spruch gelernt: "Nichts ist schlimmer als Stillstand" – und daran sollten wir uns messen.

Wie gehen die Händler mit der Krise um und welche Sorgen äußern Sie Ihnen gegenüber am häufigsten?

M. G. Davino: Das ist sehr unterschiedlich. Viele verunsichert vor allem, dass die Situation so undurchsichtig ist. Niemand kann exakt sagen, wie lange die Krise am Ende wirklich dauert. Es gibt aber ein gewisses Grundvertrauen in die Wirtschaft, dass es weitergeht und in die Politik und die Institutionen, dass sie da sein werden, um zu helfen. Die Händler, mit denen ich gemailt oder telefoniert habe, wollen sich aber auf keinen Fall unterkriegen lassen. Autohändler sind Leute, die nicht so einfach aufgeben. Fast alle sind seit Jahren an gute und schlechte Zeiten gewöhnt. Die meisten sind deshalb pragmatisch und setzen da an, wo es noch möglich ist, etwas zu tun. Viele optimieren beispielsweise die Werkstatt oder organisieren Vertrieb und Kundenbetreuung über Telefon und Internet. Wir haben gerade eine virtuelle Kundenberatung über Hangout eingeführt und die Händler darauf geschult. Das ist der richtige Weg. Man muss ständig beobachten, was passiert und wie sich die Dinge entwickeln. Nur so kann man sich an die Situation anpassen und die Krise überstehen. Denn Anpassung ist nötig: Wer durch ein kleines Loch in der Wand schlüpfen will, muss sich klein machen. Wer das ignoriert, wird nicht durchpassen.

Wie muss in dieser unsicheren Situation eine längerfristige Krisenstrategie aussehen?

M. G. Davino: Jeder sollte sich zunächst auf die eigenen Stärken besinnen. Die sind bei jedem anders ausgeprägt. Man sollte sich dabei aber auf alle Stärken konzentrieren und nicht zum Beispiel nur auf die Werkstatt. Ich persönlich entwerfe für die Krise außerdem drei Szenarien. Dabei treffe ich für jedes Szenario unterschiedliche Annahmen zum Verlauf der Krise. Für zwei dieser Szenarien skizziere ich dann konkrete Pläne auf die ich hinarbeite. Für alle drei zu planen wäre zu aufwendig. Diese Vorgehensweise empfehle ich auch den Händlern. Wichtig dabei ist aber: Flexibel sein und die Pläne bei Bedarf so schnell wie möglich an neue Gegebenheiten anpassen

Könnten Sie ein solches Szenario und die daraus folgenden Pläne kurz skizzieren?

M. G. Davino: Was passiert, wenn die Produktion in der Autoindustrie längere Zeit zurückgeht? Dann reduzieren sich die Fahrzeugvolumen. Wie lange kann ich als Händler in dieser Situation durchhalten? Das muss ich berechnen. Dann muss ich mir auch überlegen, ob und wenn ja wann ich auf die verschiedenen Hilfsangebote zurückgreife – etwa das der Bundesregierung. Das nicht zu tun, kann unter Umständen auch eine Alternative sein! Und dann muss ich nicht zuletzt planen, wo ich Kosten sparen kann. Hier sollte man aber nicht zum Kahlschlag ansetzen, sondern mit Bedacht vorgehen. Im Marketing beispielsweise lässt sich viel Geld sparen, ganz darauf verzichten darf man aber nicht. Man sollte das Thema stattdessen einfach anders angehen.

Wie könnte das aussehen?

M. G. Davino: Wenn ein Unternehmen beispielsweise bisher TV- oder Radio-Werbung geschaltet hat, kann man ja beispielsweise überlegen, das künftig nur noch digital zu machen. Das soll jetzt aber keine unmittelbare Handlungsempfehlung sein! Ich will nur sagen: Kein Marketing zu machen ist keine Option. Irgendwie muss man ja auch weiterhin Autos verkaufen. Und das kann bedeuten, dass man nun neue, zunächst vielleicht kompliziertere Wege gehen muss. Ich nenne das "Arte di arrangiarsi", die Kunst, sich den Umständen anzupassen und sich mit der Situation zu arrangieren und mit ihr zu arbeiten.

Glauben Sie, dass alle Händler die Krise überleben werden?

M. G. Davino: Das kann ich nicht beantworten, weil diese Krise wie gesagt so undurchsichtig ist. Wenn sie bis Ende des Jahres dauert, werden das mit Sicherheit manche nicht überleben. Wenn es nur bis Mai dauert und wir im Juni wieder Fahrt aufnehmen, sieht es dagegen ganz anders aus und wir werden sehr schnell wieder alles aufholen. Alles hängt von der Dauer ab. Darum haben wir ja die Maßnahmen beschlossen, um die Liquidität unserer Partner zu unterstützen. Wir allein können aber nicht viel ausrichten. Es kommt auch ganz stark auf die Politik und die Hausbanken der Händler an. Vor allem letztere müssen an die Händler glauben und ihnen in dieser schwierigen Zeit helfen. Aber was heißt schon helfen – die verdienen ja auch daran.

Eine letzte Frage noch: Sie haben nicht nur durch FCA, sondern auch persönlich sehr enge Bande nach Italien. Welchen Eindruck von der dortigen Lage haben Sie? Was kommt angesichts der Erfahrungen dort auf uns in Deutschland – speziell im Handel – noch zu?

M. G. Davino: In Italien ist die Situation einfach schlimm. Einfach alles ist gesperrt. Die Italiener verlieren aber trotzdem nicht ihre Lebensfreude. Ich bekomme viele Nachrichten mit der Botschaft: Wir werden bald zurückkommen. Die Regierung versucht zu helfen, wo es nur geht. Es gibt auch Unterstützung für den Autohandel. Aber Sie kennen die instabile politische Lage in Italien. Die Unterstützung wird nie so gut organisiert und umfassend sein können wie in Deutschland. Das gilt auch für die Banken in Italien, die seit Jahren krisengeschüttelt sind. Ich befürchte, dass einige Händler und Werkstätten in Italien das nicht überleben werden. Branchenübergreifend wird es die Mehrheit der mittleren und kleinen Unternehmen aber wohl schaffen. Denn die haben in der Regel einen Hersteller, Importeur oder Franchise-Geber im Rücken, der ihnen hilft. Aber die unzähligen wirklich kleinen Betriebe mit nur ganz wenigen Mitarbeitern – die haben niemanden, den sie um Hilfe bitten können. Die sind ganz auf sich allein gestellt und werden darum die größten Schwierigkeiten haben. Das bereitet mir wirklich große Sorgen. Italien ist uns in der Krise ungefähr 15 Tage voraus. Hier in Deutschland können wir darum frühzeitig sehen, was auf uns zukommen könnte. Das ist der einzige Vorteil in der aktuellen Lage. Den sollten wir dringend nutzen.

Frau Davino, vielen Dank für das Gespräch!


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