Die Exkursion der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) führte die Studierenden am 17. und 18. Juni 2026 durch zentrale Bereiche der Automobilbranche. Auf dem Programm standen Stationen bei Daimler Buses, der AVAG sowie beim Autohaus Reisacher. Ergänzt wurde die Reise durch Besuche bei BMW in München. Ziel war es, Einblicke in Produktion, Handelsorganisation und Autohauskonzepte zu gewinnen.
Auftakt in Neu-Ulm: Produktion im Wandel
Den Auftakt bildete am 17. Juni der Besuch bei Daimler Buses in Neu-Ulm samt Vortrag und Diskussionsrunde mit Michael Klein, COO, Leiter Produktentwicklung und Operations. Im Mittelpunkt standen Aufbau und Steuerung des Produktionsnetzwerks in Westeuropa. Die Fertigung ist stark arbeitsteilig organisiert: Rohbau, Lackierung und Montage sind auf mehrere Standorte verteilt. Im Zuge der Weiterentwicklung des Produktionsverbunds wurden einzelne Prozessschritte neu ausgerichtet, um Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken.
Zugleich zeigt sich die hohe Komplexität der Busproduktion. Fahrzeuge werden in vielen Varianten gefertigt, was die Prozesse deutlich anspruchsvoller macht als im Pkw-Bereich. Fehlteile können den gesamten Ablauf blockieren, wie sich während der Corona-Pandemie zeigte. Mit Blick auf den Wettbewerb betonte Klein die strategische Ausrichtung: "Wir nehmen jeden Marktbegleiter sehr ernst und arbeiten kontinuierlich an unserer Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Entscheidend für unsere Wettbewerbsfähigkeit ist ein gut aufgestelltes Produktionsnetzwerk mit klar definierten Rollen für jeden Standort."
Wettbewerb und Transformation prägen die Branche
Neben operativen Themen rückte die strategische Perspektive in den Fokus. Der Wettbewerb nimmt zu, insbesondere durch neue Anbieter aus China. Gleichzeitig treibt die Branche die Elektrifizierung voran, vor allem im Stadtbus-Segment. Daimler Buses fertigt bereits seit 2018 einen E-Stadtbus in Serie, den Mercedes-Benz eCitaro, und bringt ab diesem Jahr seinen ersten elektrisch angetriebenen Überlandbus Mercedes‑Benz eIntouro auf den Markt. Darüber hinaus plant der Hersteller, bis Ende des Jahrzehnts batterieelektrische und später Brennstoffzellen‑Reisebusse anzubieten.
Der Standort Deutschland soll sich dabei über technisches Know-how und die Fähigkeit zur Entwicklung komplexer Fahrzeuge behaupten. Die Produktion wird gezielt dort gehalten, wo die Expertise einen klaren Unterschied macht.
HfWU-Sommerexkursion 2026: Vom Autohaus ins Werk
AVAG: Handel als dezentrale Struktur
Am Nachmittag stand die AVAG in Affing auf dem Programm. Nach einer persönlichen Begrüßung mit Handschlag durch Vorstand Jürgen Keller gab es eine kurzweilige Einführung in die AVAG-Welt. Die Gruppe verfolgt eine klare Strategie: Sie tritt nicht als sichtbare Marke gegenüber dem Endkunden auf, sondern agiert als Holding im Hintergrund.
Die einzelnen Autohäuser behalten bewusst ihre etablierten Namen und ihre regionale Marktposition. Damit stärkt die Organisation die lokale Kundenbindung. "Wir sind eine unterstützende Infrastruktur, keine kundenorientierte Marke", erklärte Keller. Die physische Präsenz der Marke “AVAG” ist daher absichtlich auf drei strategische Gebäude in Augsburg beschränkt: die Zentrale, das Museum und das Business Development Center.
Diese Form der Organisation unterscheidet sich von Wettbewerbern, die auf einheitliche Markenauftritte setzen, und zeigt eine alternative Möglichkeit, Handelsgruppen zu führen. Ein Rundgang durch das AVAG-Auto-Museum bildete den Schlusspunkt des Besuchs.
Reisacher: Autohaus als Erlebnis und Prozess
Am zweiten Tag folgten die Studierenden der Einladung des Autohauses Reisacher in Augsburg. Inhaber Peter Reisacher ist Alumnus der HfWU und ist seit über 30 Jahren mitverantwortlich für den Erfolg der Gruppe. Vor den 44 Studierenden gab Reisacher einen Einblick, wie ein moderne Autohaus-Betrieb organisiert ist und welch wichtige Rolle die Kundenerfahrung spielt. "Das System ist erst dann gut, wenn der Kunde zufrieden ist", so Reisacher.
Prozesse werden nicht vom Produkt, sondern vom Kontaktpunkt im Autohaus aus gedacht. Ziel ist es, Abläufe so zu gestalten, dass Kunden schnell und strukturiert betreut werden. Dafür setzt das Unternehmen unter anderem auf zentrale Empfangsstrukturen, digitale Systeme zur Kundenübersicht und klar geregelte Prozessabläufe. Gleichzeitig sind unterstützende Funktionen wie IT oder Marketing zentral organisiert.
Gemeinsame Leitlinie: Systeme verändern sich
Über alle Stationen hinweg zeigt sich laut Reisacher ein gemeinsames Bild: Die Branche steht vor einem strukturellen Wandel. Produktion, Handel und Autohausorganisation werden zunehmend auf Effizienz, Spezialisierung und Kundenorientierung ausgerichtet.
Während Hersteller ihre Netzwerke anpassen und auf neue Technologien reagieren, entwickeln Handelsgruppen und Autohäuser eigene Modelle, um sich im Wettbewerb zu behaupten. Die Exkursion verdeutlicht, dass der Erfolg weniger von einzelnen Maßnahmen abhängt, sondern vom Zusammenspiel aller Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette.
BMW: Einblicke in Marke und Produktion
Zum Abschluss fuhr die Exkursion nach München zur BMW Welt und ins Werk Dingolfing. Dort erhielten die Studierenden einen Einblick in Markeninszenierung und industrielle Fertigung. Während die BMW-Welt mit ihren Auslieferungen als Schnittstelle zum Kunden fungiert und das Markenerlebnis prägt, verdeutlichte die hocheffiziente Pkw-Produktion die hohe Integration und Skalierung im Vergleich zur Busfertigung. Der Besuch ergänzte damit die vorherigen Stationen: Nach Produktion, Handelsstruktur und Autohauspraxis wurde deutlich, wie Hersteller ihre Marken präsentieren und gleichzeitig komplexe Fertigungsprozesse organisieren.