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Hochwasserkatastrophe: "Da finden Sie nur noch eine Trümmerlandschaft"

Durch die Wucht der Wassermassen wurden die Straßen in Hagen von Geröll überzogen.
© Foto: Private Quelle

Die jüngste Hochwasserkatastrophe hat auch zahlreiche Unternehmen der Kfz-Branche verwüstet. AUTOHAUS hat in der besonders schwer getroffenen Stadt Hagen nachgefragt, wie die Lage in den Betrieben ist und was jetzt hilft.


Datum:
21.07.2021
Autor:
Armin Wutzer
Lesezeit: 
5 min
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Die Hochwasser-Fluten der letzten Tage haben in Teilen Deutschlands eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Unter den besonders betroffenen Städten war auch die nordrhein-westfälische Stadt Hagen. Wie auch an vielen anderen Orten, sind dort etliche Kfz-Betriebe den Wassermassen zum Opfer gefallen. AUTOHAUS hat beim Obermeister der Kfz-Innung Hagen/Ennepe-Ruhr und ZDK-Vorstand Detlef Peter Grün nachgefragt, wie es weitergeht und was den Betrieben jetzt hilft.

AH: Herr Grün, wie haben Sie die Flutkatastrophe in Hagen erlebt?

Detlef Peter Grün: In meinem eigenen Betrieb ist zum Glück nichts passiert. Unser Wohnhaus dagegen hat es erwischt: Ich wohne direkt neben einem kleinen Bach, aus dem in kürzester Zeit ein reißender Fluss wurde. Als dieser dann über die Ufer trat, hat er unser Haus und vor allem den Keller überflutet. Im Vergleich zu anderen bin ich aber glimpflich davongekommen. Viele meiner Kollegen aus Hagen, deren Betriebe direkt an den beiden Flüssen Lenne und Volme liegen, hat es leider schwer getroffen. Dazu muss man wissen: Die Volme fließt durch die Hagener Innenstadt und die Außenbezirke. Und dort in den Außenbezirken, direkt an der Volme, haben sich viele Industrieunternehmen und Kfz-Betriebe angesiedelt. Als die Volme dann über ihre Ufer getreten ist, ist das Wasser sofort in die Betriebe gelaufen. Das alles ging so schnell und mit einer Wucht, dass extrem große Mengen an Geröll mitgerissen wurden. Und diese Geröllmassen liegen jetzt überall in Hagen herum. Die Straßen sind stellenweise einfach mal 1,50 Meter höher geworden. Da stehen Autos auf der Straße bis zum Dach im Geröllwust. Um voranzukommen müssen Sie über dieses Geröll gehen. Wir haben hier sowas noch nie erlebt. Ich wohne jetzt bereits seit 54 Jahren in Ennepetal und kann mich nicht erinnern, dass es jemals so starke Überschwemmungen gegeben hat.

AH: Wie hoch sind die Schäden in den Betrieben?

D. P. Grün: Die genaue Sachlage bis ins Detail kenne ich aktuell leider noch nicht. Ich weiß aber, dass drei bis fünf Betriebe komplett weg sind. Die sind einfach nicht mehr da. Die sind samt Immobilie, Autos und Werkstatt weggeschwommen. Da finden Sie nur noch eine Trümmerlandschaft in der kein Stein mehr auf dem anderen steht. Das sieht aus als wäre da eine Bombe explodiert. Ich konnte mir nie vorstellen, welche Kraft Wasser hat. Das ist unvorstellbar. Es gibt aber natürlich auch leichtere Fälle, wo nur der Keller vollgelaufen ist.

AH: Wie geht es jetzt weiter?

Grün: Wir haben uns in der Innung zusammengetan und sind dabei, einen Sammelplatz einzurichten, auf dem die betroffenen Kollegen ihre defekten Fahrzeuge von den Ausstellungsflächen hinbringen können. Denn wenn Sie als Händler 50 beschädigte Autos auf dem Hof stehen haben, dann dauert es eine ganze Weile, bis der Versicherungsgutachter endlich da ist und die Fahrzeuge alle begutachtet sind. In der Zeit können Sie schlecht mit den Aufräumarbeiten beginnen. Das ist ein großes Problem. Auf dem zentralen Sammelplatz hingegen können die Versicherer die Autos in Ruhe begutachten und die Betriebe können gleichzeitig mit dem Aufräumen loslegen. Hier hat uns Peter Börne, der Präsident des ZKF (Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik, Anm. d. Red.) sehr geholfen. Dieser hat auf unsere Bitte seinen guten Draht zu den Versicherern genutzt und sich dafür stark gemacht, dass diese sich an unserem Plan für den Sammelplatz beteiligen.

AH: Um wie viele Fahrzeuge geht es hier?

D. P. Grün: Ich schätze, das sind bis zu 1.000 Autos.

Durch die Unwetter am 14. Juli standen große Teile von Hagen unter Wasser. Dabei wurden hunderte Autos zu Totalschäden.
© Foto: picture alliance / Kirchner-Media | Christopher Neundorf

AH: Alle auf einem Platz?

D. P. Grün: Nicht ganz. Auf dem Platz, den wir uns ausgesucht haben, passen maximal 300 Fahrzeuge. Die Stadt Hagen hat darum sichergestellt, dass wir bei Bedarf noch weitere Plätze zur Verfügung gestellt bekommen. Das war sehr kulant. Ich muss ganz ehrlich sagen: So eine Hilfsbereitschaft und Kollegialität habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Seien es nun Behörden oder Kollegen: Alle halten zusammen.

AH: Welche weiteren dringenden Baustellen gibt es?

D. P. Grün: Ich fang mal ganz vorne an: Zunächst waren viele Stadtteile ohne Strom und Wasser. Das schnell wiederherzustellen war überlebensnotwendig. Und das hat die Stadt Hagen sehr schnell geschafft. Darum muss ich hier erneut ein großes Lob aussprechen. Jetzt geht es darum, den ganzen Unrat zu entsorgen. Die Hagener Entsorgungsbetriebe haben innerhalb von einer Woche bereits 20.000 Tonnen Müll weggeräumt. Zum Vergleich: Das Jahresaufkommen beim Restmüll beläuft sich auf 8.000 bis 10.000 Tonnen… Die einzelnen Unternehmen müssen nun ihre Betriebe reinigen und die Schäden aufnehmen. Wenn das erledigt ist, erhoffe ich mir schnelle Hilfe von den Versicherern und von der Politik. Da sehe ich uns aber auf einem guten Weg: Erst heute Morgen kam eine Mail vom nordrhein-westfälischen Finanzministerium in der es sinngemäß heißt: Kosten die für Aufräum- oder Aufbauarbeiten entstehen, sollen steuerlich begünstigt werden. Da muss ich sagen: Hut ab – sowas kennt man eigentlich von der Politik nicht. Da sind offenbar die richtigen Leute an den richtigen Stellen. Und auch beim Thema Hilfsgelder wurden ja jetzt Mittel versprochen. Dazu kann ich nur sagen: Wir haben in den letzten Jahren in Deutschland sehr viel Geld für Dinge ausgegeben, die uns sozialpolitisch gut dastehen lassen. Ich hoffe, dass der Staat nun auch uns als Unternehmer nicht vergisst und sich bewusstmacht, dass wir die Steuerzahler von morgen sind.

ZDK-Vorstand Detlef Peter Grün ist Obermeister der Kfz-Innung Hagen/Ennepe-Ruhr. Im Gespräch mit AUTOHAUS schilderte er, welche Hilfen die betroffenen Betriebe jetzt brauchen.
© Foto: Screenshot Armin Wutzer/AUTOHAUS

AH: Was wünschen Sie sich von den Versicherern?

D. P. Grün: Ich hoffe, dass die Versicherer schnell kommen, schnell begutachten und dann auch schnell eine Freigabe erteilen, so dass die Betriebe die Schäden rasch ersetzt bekommen und wieder arbeiten können. Das ist nicht selbstverständlich, aber wichtig. Schließlich sprechen wir hier nicht nur von Schäden in Höhe von ein paar Tausend Euro, sondern teilweise vom Totalverlust eines Betriebs. Wenn man nun überlegt, um welche Werte es bei einem Vertragshändler mit Werkstatt und 50 Fahrzeugen auf dem Hof geht, dann ist klar, dass die Unternehmen da nicht in Vorleistung gehen können. Wir als Branche müssen an einem Strang ziehen und Druck ausüben, dass diese Sachen so schnell wie möglich geradegebogen werden.

AH: Waren denn überhaupt alle Betriebe versichert?

D. P. Grün: Da kann ich nur für mich sprechen: Ich bin versichert und habe nicht nur eine Elementarschaden- sondern auch eine Unterbrechungsversicherung. Die ist wichtig – man kann ja nicht sofort nach der Flut anfangen, wieder zu arbeiten. Trotzdem muss man die Löhne weiterzahlen. Ich kann daher immer wieder nur dazu raten, sich zu versichern.

AH: In ganz Deutschland gibt es derzeit eine große Hilfsbereitschaft. Viele wollen helfen, aber wissen nicht wie. Wie können Händler ihren von der Flut betroffenen Kollegen helfen?

D. P. Grün: Am besten einfach nachfragen! Viele Betriebe die noch intakt sind haben begonnen, Kunden ihrer geschädigten Kollegen zu bedienen, ohne in deren Kundenstamm hineinzuangeln. Wir von der Innung wollen außerdem ein Hilfsprojekt auflegen, um Personalengpässe in einzelnen Betrieben auszugleichen. Als Innungs-Obermeister gehe ich außerdem immer wieder auf die Leute zu und frage: Wo können wir helfen? Das sind oft Kleinigkeiten wie eine Pumpe, um das Wasser aus dem Keller zu bekommen. Es gibt aber auch Fälle, wo einem Betrieb die liquiden Mittel ausgehen und er kurzfristig Hilfe braucht. Viele Kollegen aus dem Ennepe/Ruhr-Kreis, der nicht so stark betroffen ist, sind zudem einfach mit ihren Leuten nach Hagen gefahren um aufräumen zu helfen. Wir müssen in dieser Situation kollegial zueinanderstehen. Und das tun wir auch - Ich bin stolz auf meine Innung und die ganze Stadt.

AH: Vielen Dank für das Gespräch!

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