Mit dem Vortragstitel "Von der Agentur zum klassischen Händlervertrieb" im Forum Automotive an der HfWU in Geislingen im Sommersemester 2026 traf Oliver Rittierodt, Director Sales von MG Motor Deutschland, genau einen Nerv der Branche. Die Frage wurde in den vergangenen Jahren bekanntlich intensiv diskutiert: Agenturmodell oder klassischer Händlervertrag – wohin geht die Reise?
Fünf bewegte Jahre im Automobilmarkt
Zu Beginn seines Vortrags zeichnete Rittierodt die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre nach. Die Automobilbranche habe in kurzer Zeit mehrere Marktphasen erlebt: den Boom der Elektromobilität, Lieferengpässe nach der Pandemie, die Zeit der BAFA-Förderung, deren abruptes Ende sowie aktuell die Renaissance von Hybrid- und Verbrennerfahrzeugen. Gleichzeitig drängen immer mehr neue Marken nach Europa und verschärfen den Wettbewerb.
Genau in dieser Phase startete MG 2021 in Deutschland. Das Unternehmen entschied sich damals bewusst für ein Agentursystem. Die Fahrzeuge blieben im Eigentum der Importgesellschaft, der Handel erhielt Verkaufsprovisionen. Für neue Handelspartner bedeutete dies ein geringes finanzielles Risiko, da weder umfangreiche Kreditlinien noch hohe Lagerbestände erforderlich waren.
MG4 Urban
Der Ansatz funktionierte bekanntlich. MG konnte schnell ein Vertriebsnetz aufbauen und profitierte zugleich von einer starken Nachfrage nach Elektroautos und einer begrenzten Fahrzeugverfügbarkeit. Die Rahmenbedingungen waren also ideal.
Mit der Einführung von Hybrid- und Verbrennermodellen entstand bei MG jedoch eine besondere Situation. Während batterieelektrische Fahrzeuge weiterhin über die Agentur vertrieben wurden, liefen die Benzinmodelle über das klassische Händlergeschäft. Deutschland wurde damit zum einzigen europäischen Markt, in dem beide Systeme parallel betrieben wurden.
Hohe Komplexität im Vertrieb
Dieser Doppelansatz brachte erhebliche Komplexität mit sich. Unterschiedliche Vertragsmodelle, verschiedenartige Abrechnungssysteme und rechtliche Besonderheiten führten sowohl auf Hersteller- als auch auf Handelsseite zu zusätzlichem Aufwand.
Die Konsequenz daraus ist nun klar: MG stellt ab 2027 vollständig auf das Händlermodell um. Rittierodt argumentierte, dass ein Automobilverkauf weit mehr sei als die Übergabe eines Fahrzeugs. Kundenbeziehungen entstünden vor Ort. Service, Beratung, Werkstattkontakte, Gebrauchtwagenmanagement und langfristige Betreuung seien Aufgaben, die Händler deutlich besser erfüllen könnten als eine zentrale Vertriebsgesellschaft.
Gleichzeitig kritisierte der Manager die teilweise fehlende Verantwortungsübernahme im Agentursystem. Seine persönliche Präferenz für das Händlermodell formulierte er offen: "Unternehmerische Freiheit, Eigenverantwortung und lokales Engagement sind entscheidende Erfolgsfaktoren im Automobilvertrieb."
MGS6 EV (2026)
Auch die Vorteile benannte Rittierodt klar: regionale Marktkenntnis, aktive lokale Vertriebsaktivitäten, stärkere Motivation durch Ergebnisverantwortung und die Möglichkeit, eine eigene Händlermarke aufzubauen. Kunden würden letztlich stärker an ihren lokalen Partner gebunden als an ein Importeur.
Für viele Studierende war dies eine interessante Perspektive. In Zeiten der Digitalisierung wird häufig über Direktvertrieb gesprochen. Der Fachvortrag zeigte dagegen, dass persönliche Kundenbeziehungen und lokale Präsenz weiterhin erhebliche Wettbewerbsvorteile bieten.
Weitere Wachstum in Europa
Neben dem Vertriebssystem lieferte Rittierodt zahlreiche Einblicke in die Entwicklung von MG in Europa. Der Hersteller ist inzwischen in 34 europäischen Ländern vertreten und setzte im vergangenen Jahr mehr als 300.000 Fahrzeuge auf dem Kontinent ab. Der europäische Markt gehört heute zu den wichtigsten Absatzregionen des Konzerns.
Besonders stark ist MG in Großbritannien positioniert. Dort zählt die Marke inzwischen zu den erfolgreichsten Volumenherstellern. Auf deutschen Straßen sind mittlerweile ebenfalls zahlreiche Fahrzeuge unterwegs. Bereits heute befinden sich nach Unternehmensangaben mehr als eine Million MG-Fahrzeuge in Europa im Markt.
Ausbau des Händlernetz – Professionelles Gebrauchtwagengeschäft
Für 2026 peilt MG in Deutschland rund 32.700 Zulassungen an. Im ersten Halbjahr lagen die Zahlen bereits bei über 16.000 Einheiten. Damit bewegt sich die Marke auf Wachstumskurs und strebt einen Marktanteil von rund 1,2 Prozent an.
Mit dem neuen Vertriebsmodell will MG zudem das Händlernetz weiter ausbauen. Aktuell verfügt die Marke hierzulande über rund 185 Standorte. Langfristig stehen mehr als 250 Betriebe in der Planung.
Parallel dazu wird das Gebrauchtwagengeschäft stärker professionalisiert. Mit "MG Certified Plus" hat der Importeur ein eigenes Gebrauchtwagenprogramm eingeführt, das Restwerte stabilisieren und die Kundenbindung erhöhen soll.