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Nachhaltigkeit: Ringen um einen gemeinsamen Standard

02.04.2024 05:30 Uhr | Lesezeit: 9 min
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Am 6. Februar kamen auf Initiative des Lackherstellers BASF "mehr als 30 Unternehmen" beim TÜV Rheinland in Köln zusammen (deshalb "Kölner Runde"), um Vorschläge zu einem Nachhaltigkeitsstandard für Unfallreparaturbetriebe zu entwickeln.
© Foto: BASF

Nachhaltigkeit in der Kfz-Reparatur ist zum Politikum geworden. Parallel zu den Handwerksverbänden ZDK, ZKF, BVdP und BFL versuchen sich auch Lackhersteller, Versicherer, Schadensteuerer und andere Marktbeteiligte an einem Branchen-Standard. Von einem gemeinsamen Weg sind die beiden Lager allerdings (noch) weit entfernt.

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In der vergangenen Woche wurde unserer Redaktion kurzfristig eine Presse-Info zum "Branchentreffen Nachhaltigkeitsstandard am 6. Februar 2024 beim TÜV Rheinland in Köln" angekündigt. Die Veröffentlichungs-Freigabe verzögerte sich schließlich mehrfach, da noch diverse Einwände berücksichtigt werden sollten.

So weit, so gut. Immerhin ging es ja um ein Treffen "mit 42 Personen aus über 30 Unternehmen", die allesamt beabsichtigen würden, einen "branchenweiten Nachhaltigkeitsstandard in der Unfallreparaturbranche" zu entwickeln.

Die "Kölner Runde"

Namentlich standen auf der finalen Info folgende Teilnehmer-Parteien:

• Versicherungen: Allianz, AXA, DEVK, Generali, HUK-Coburg, LVM, Provinzial, R+V, Zürich
• Schadensteuerer: Consense, DMS, HUK-Coburg, Innovation Group, Riparo, SPN
• Dateninstitute: AZT, DAT, Eurotax-Schwacke, GT Motive, Solera Audatex
• Lackhersteller: Akzo Nobel, Axalta, BASF Coatings, Kwasny, Mipa
• Fahrzeughersteller: Mercedes-Benz Vertrieb Deutschland
• Leasing: LeasePlan
• Mietwagen: Europcar
• Zertifizierer: DEKRA, TÜV Rheinland (als Moderator)
• Verbände: Ein Vertreter für ZDK, ZKF, BVdP und BFL

Kaltstart-Schwierigkeiten

Auffällig war, dass ein zunächst namentlich mit aufgelisteter und im Markt nicht unbedeutender Lackhersteller in der Schlussfassung fehlte. Auch die beiden Repräsentanten dieses Unternehmens waren jetzt aus dem Gruppenfoto herausretouchiert. Benannt war – am Ende sogar 2-fach – außerdem die HUK-Coburg, welche dem Vernehmen nach nicht erwähnt werden und noch weiter abwarten wollte. Weitere eingeladene Unternehmen, darunter z.B. Mietwagenfirmen, hätten von Anfang an kein Interesse an der Mitarbeit gezeigt. Nachholbedarf besteht sicherlich vor allem bei der dünn besetzten Fahrzeughersteller-Seite. Aber das Projekt steht derzeit ja auch erst in den Anfängen und soll behutsam und sukzessive wachsen.

Hier die Verbände, dort die "Branchenvertreter"

Konkrete Nachfragen von AUTOHAUS bei Wortführern des Kölner Branchentreffens und den mit aufgelisteten Werkstatt-Verbänden ergaben schließlich ein durchaus aufschlussreiches Bild: Auf der einen Seite stehen die Handwerks-Spitzenverbände als Lobbyisten der Werkstattbetriebe, die partout nicht als Teilnehmer des Branchentreffens mit aufgelistet sein wollten. Da die Verbände einen komplett eigenen Vorschlag favorisieren, der bereits im September 2023 angekündigt und vor einigen Wochen auch offiziell vorgestellt wurde, habe man nach Köln lediglich einen Teilnehmer entsandt, der sich das Konzept der "Gegenseite" rein informativ mit angehört habe.

Tiefgreifende Vorbehalte

Der eigentliche Unmut der Werkstätten entzündet sich nach übereinstimmenden Aussagen der befragten Verbands-Repräsentanten vor allem an Lackhersteller BASF, dem offen unterstellt wird, zusammen mit den oben genannten Marktteilnehmern eine Art Gütesiegel entwickeln zu wollen, das vor allem die "Glasurit ColorMotion Betriebe präferieren" werde und "mit Neutralität nichts (mehr) zu tun" habe. Zudem wird ein eventuell zu großer Einfluss von Versicherungen und Schadensteuerern befürchtet, da diese den Markt "zu stark dominieren" und einen zu großen Einfluss auf den Nachhaltigkeitsstandard nehmen könnten.

Bisherige Übereinkünfte

Als "zentrale Ergebnisse" des Kölner Branchentreffens beim TÜV Rheinland sind in der Presse-Info festgehalten, dass "bisherige Geschehnisse und der Ansatz zu einem Nachhaltigkeitsstandard transparent vorgestellt" wurden und es "einen offenen Austausch in der Branche" gab, bei dem auch "Stimmungsbilder abgefragt sowie Meinungen und Gedanken angehört und diskutiert" wurden. Die "überwiegende Mehrheit" habe sich für eine gemeinsame Branchen-Lösung ausgesprochen.

Werkstätten sollen unbedingt dabei sein

Es sei zwar herausfordernd, alle Interessen zu berücksichtigen und unter einen Hut zu bekommen. Jedoch sei ein gemeinsamer branchenweiter Standard auch "eine große Chance für alle, die Branche voranzubringen und nachhaltiger aufzustellen". Wichtig sei daher die aktive Einbindung der Werkstattbetriebe als Anwender, "um den Standard einfach, übersichtlich und verständlich zu gestalten". Es müsse ein "klarer Mehrwert für die Werkstattbetriebe und Endverbraucher geschaffen werden und auch erkennbar sein".

Standard mit Entwicklungsstufen als Zielstellung

Die gesamte Branche sei ausdrücklich "eingeladen, sich an der weiteren Ausarbeitung, Konkretisierung und Markteinführung des Standards zu beteiligen. Die Tür bleibt offen, auch zu einem späteren Zeitpunkt einzusteigen". Die Grundzüge des Standards sollen allerdings schon "zu Beginn definiert, später nachjustiert und weiterentwickelt" werden.

"Knapp 90 Prozent" der Teilnehmenden des Branchentreffens unterstützen dem Vernehmen nach bereits jetzt die gemeinsame Initiative, die explizit der BASF zugeschrieben wird. Während mehrere Parteien personelle und finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen wollen, hätten "einige Teilnehmer aktuell keine Ressourcen, werden das gemeinschaftlich erarbeitete Siegel jedoch akzeptieren und umsetzen". Die restlichen Teilnehmer haben um Bedenkzeit gebeten.

Zeitnah will sich die Kölner Branchenrunde zu einem Folgetreffen verabreden und weiterhin "auch die Anwenderverbände ZDK, ZKF, BVdP und BFL" mit an Bord bekommen.

Beide Gruppen wollen das Gleiche, niemand ein "Siegel-Wirrwarr"

In den sowohl mit der Verbändeseite, als auch mit Versicherern aus der "Kölner Runde" geführten Telefonaten unserer Redaktion zeigte sich Eines deutlich: Keine der beiden im Moment unvereinbar scheinenden Gruppen will unterschiedliche Nachhaltigkeits-Standards, geschweige denn einen "Siegel-Wirrwarr". Die Verbände wollen ihrerseits auch kein "Greenwashing" betreiben, "sondern alle gesetzlichen Anforderungen erfüllen und die geforderten Auflagen für einen gemeinsamen Standard erfüllen". Aber: "Ohne Inhalte, die von unseren Werkstätten nicht geleistet werden können und an denen sie alleine schon aufgrund der bürokratischen Auflagen kaputt gehen könnten."

Des Weiteren fürchten die Verbände "partikulare Interessen anderer Teilnehmer, die den gesamten Standard verwässern, der mit Neutralität dann endgültig nichts mehr zu tun hat".

Um welche Pflichten wird es gehen?

Unterhält man sich schließlich mit Versicherern und Schadensteuerern, die von Verbändeseite ebenfalls mit Argwohn belegt werden, stellt sich Folgendes heraus: Beiden Seiten ist durchaus bewußt, dass die konkreten gesetzlichen Vorgaben "erst im Entstehen sind, aber in rund 5 Jahren fix stehen werden". Dann wird von allen Branchenbeteiligten das geleistete Engagement in Sachen Nachhaltigkeit (Ökologie, Umweltverträglichkeit, Ressourchenschonung, Soziales, ordentliche Unternehmensführung etc.) nachzuweisen sein.

Dazu gehören für Werkstätten u.a. Berichtspflichten zur CO2-Freisetzung bei der Lackierung, zum Energieverbrauch bei der/den verwendeten Trocknungsmethode/n usw., die im Zuge des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes auch an große Auftraggeber (z.B. Versicherungen, Leasinggesellschaften, Schadensteuerer) zu melden sind. Diese Auflagen könnten möglicherweise in den kommenden Jahren in Zusammenhang mit EU-Bestimmungen für Klein- und Mittelbetrieben (KMU‘s) noch verschärft werden.

Genug Zeit für einen unbelasteten Dialog!

Übereinstimmung herrscht in beiden Lagern auch zur Einschätzung, dass der künftig eingeforderte Nachhaltigkeitsstandard mitsamt seiner Berichtspflichten "für Flotte, Versicherung und Leasing erst 2026 richtig interessant" werde. Mit anderen Worten: Sämtliche Beteiligten hätten im Moment noch reichlich Zeit, alle gegenseitigen Vorbehalte auszuräumen und in einen neuen, von Einzelinteressen völlig befreiten und unbelasteten kommunikativen Austausch einzutreten.

Wer zertifiziert den künftigen Standard?

Einig ist man sich heute auch bereits darüber, dass es kein "Nachhaltigkeits-Siegel" geben soll, das mit Selbstauskunft und Eigenüberwachung arbeitet, sondern auf Basis entsprechender Zertifizierungen (z.B. seitens der TÜV‘s, DEKRA, GTÜ oder anderer anerkannter Zertifizierungsgesellschaften) vergeben wird.

Dachverbände als mögliche Lösung?

In den Gesprächen mit AUTOHAUS räumten die Werkstatt-Verbände ein, dass sie ein gemeinsames Siegel dann akzeptieren würden, wenn auf der "Gegenseite" nicht einzelne Marktteilnehmer (z.B. Lackhersteller, Versicherer) eine dominierende Rolle ausüben könnten, sondern jeweils die Dachverbände – z.B. Verband der Lackhersteller, Gesamtverband der Deutschen Versicherer, BV Deutscher Leasingunternehmen, BV der Autovermieter Deutschlands etc. – als quasi übergeordnete Ebene zur Verfügung stünden und den mit ihnen abgestimmten Standard mit freigäben.

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Am 19. September 2023 teilten die Spitzenverbände des Handwerks ihren Beschluss zur Einführung eines "unabhängigen Nachhaltigkeitssiegels" mit (v.l.):  Torsten Schmidt (Leiter Geschäftsbereich Fahrzeuglackierung im BV Farbe); Peter Börner (Präsident ZKF), Steven Didssun (Präsident BFL), Michael Pinto (Geschäftsführer BVdP), Thomas Aukamm (Hauptgeschäftsführer ZKF). Nicht mit auf dem Bild ist Detlef Peter Grün, der als Vizepräsident die Interessen des ZDK vertritt.
© Foto: Bundesverband Fahrzeuglackierer
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