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Nachgehakt: Diesel-Nachrüster hoffen auf EuGH-Entscheidung

Nachgehakt
Diesel-Nachrüster hoffen auf EuGH-Entscheidung
SCR Nachrüstung Oberland Mangold
Die Nachfrage nach Diesel-Hardware-Nachrüstungen ist bisher zurückhaltend.
© Foto: Oberland Mangold

Am Montag sorgte die Aussage eines VW-Sprechers für Aufsehen, wonach dem Autobauer kein einziger Fall einer Diesel-Hardware-Nachrüstung bekannt sei. AUTOHAUS hat bei den Herstellern der Nachrüstlösungen nachgehakt.

Von Online-Redakteur Andreas Heise

Ein Dreivierteljahr nach der Zulassung der ersten Nachrüstsysteme für Euro-5-Diesel hat der Volkswagen-Konzern noch von keinem einzigen Fall Kenntnis, in dem nachgerüstet wurde, sagte ein VW-Sprecher laut einer dpa-Meldung am Montag. "Wir haben von vornherein nicht an die Hardware-Nachrüstung geglaubt", betonte der Konzernsprecher.

Keine einzige Nachrüstung? - Das Statement ließ Fragen offen und klang sehr nach politischer Meinungsmache. Ende April wiederum hatte die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass bei Daimler bis dahin erst 170 Kunden einen entsprechenden Antrag auf den Zuschuss gestellt hätten. 170? - Eine Zahl, die manchem den Eindruck vermittelte, die Nachfrage sei kaum messbar.

Am Dienstag reagierte prompt die Kfz-Innung Region Stuttgart auf die Aussagen der Autoindustrie (AUTOHAUS berichtete). Zum einen sei die Zahl der Anträge für den Zuschuss, den die Kunden teils von den Autobauern erhalten, deswegen gering, weil sich die dafür nötigen Eintragungen bei den Zulassungsstellen durch die Corona-Krise verzögert hätten. Zum anderen seien Nachrüstlösungen teils erst jetzt verfügbar.

Ein Unternehmen, das für ältere Diesel Hardware-Nachrüstlösungen anbietet, ist Oberland Mangold aus Eschenlohe. "Bestätigen können wir, dass Volkswagen nach Auskunft unserer Kunden sehr wohl schon mehrere Nachrüstungen finanziert hat", erklärt Geschäftsführer Hubert Mangold gegenüber AUTOHAUS. Lieferbar sei aktuell die Lösung "Oberland Neo Plus" für ausgewählte Fahrzeuge von VW, Audi und Seat.

Gleichzeitig räumt Mangold rein, dass er Berichte zur schleppenden Nachfrage für SCR-Nachrüstsysteme bestätigen könne. Dafür gebe es viele Gründe. "Einer ist sicherlich die Verunsicherung der Dieselfahrer hinsichtlich der Notwendigkeit einer SCR-Nachrüstung", so der Geschäftsführer. Die letzten Wochen habe es hinsichtlich des Ausbleibens möglicher Verkehrsbeschränkungen für Dieselfahrzeuge in den Städten einen regelrechten Wettbewerb gegeben. Vielfach werde mit deutliche verbesserter Luftqualität argumentiert, auch wenn diese oft wegen des Rückganges des öffentlichen Verkehrs durch die Auswirkungen von Corona einhergingen. "Das die SCR-Nachrüstung einen vielfachen Nutzen bringt, geht hier leider unter. Reduktion der Stickoxide um bis zu 70 Prozent, ein umweltfreundlicheres Fahrzeug und ein besserer Wiederverkaufswert sind nur einige Argumente, welche für eine Nachrüstung sprechen", so Mangold weiter.

Er verweist auch auf aktuelle juristische Verfahren. So wurde in der vergangenen Woche bekannt, dass Eleanor Sharpston, Generalanwältin und Gutachterin des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), die Ansicht vertritt, eine zur Senkung von Abgaswerten bei Labortests eingesetzte Software sei eine "Abschalteinrichtung" und damit nach EU-Recht verboten. Das entsprechende Urteil des EuGH steht noch aus. Auch verhandelt seit Dienstag der Bundesgerichtshof den ersten Fall im VW-Abgas-Skandal (AUTOHAUS berichtete).

"Beide Urteile können für eine Belebung der Nachfrage sorgen. Besonders spannend sehen wir das Urteil des EUGHs", erklärt Mangold. Folge dieser dem Gutachten der Generalanwältin, dann stelle sich die Frage, was mit den betroffenen Fahrzeugen geschehe. "Kann die Typgenehmigung aufrechterhalten bleiben? Sind Nachbesserungen erforderlich?", lauten nach Angaben von Mangold die entscheidenden Fragen.

In dem Zusammenhang sei auch die Forderung der Fahrzeughersteller zu sehen, welche aktuell eine weitere Kaufprämie für Neufahrzeuge fordern. "Würde die Bundesregierung dieser stattgeben und mit dem Geld 'alte Fahrzeuge' vom Markt gekauft werden, so würde den Fahrzeughersteller womöglich teure Umbauten/Nachbesserungen erspart bleiben", sagt Mangold und ergänzt: "Ob hierfür die Verwendung von Steuergeldern gerechtfertigt ist, ist zu bezweifeln." Die Fahrzeughersteller würden seiner Meinung nach auf alle Fälle "doppelt profitieren".

"Werden mindestens 10.000 Systeme verkaufen"

Auch Dr Pley SCR Technology hat gegenüber AUTOHAUS Stellung zum aktuellen Stand der Hardware-Nachrüstungen genommen. Das Unternehmen aus Bamberg liefert Lösungen für Fahrzeuge der Marken BMW, Mercedes und Volvo. "Die Nachfrage im ersten Quartal 2020 war sehr gut. Seit Mitte März haben auch wir natürlich einen massiven Einbruch vermerkt. Nun zieht es so langsam wieder an", erläutert Managing Partner Martin Pley. Es seien insgesamt bislang 3.500 Systeme produziert worden bzw. befänden sich gerade in der Produktion. Er gehe davon aus, dass sein Unternehmen mindestens 10.000 Systeme verkaufen werde. Und auch Pley erhofft sich Impulse durch den Europäischen Gerichtshof. "Falls der EUGH nun gemäß der Generalanwältin entscheidet, wird sich dieser Wert um ein Vielfaches erhöhen", stellt er fest.

Ende Dezember 2019 habe Dr Pley SCR Technology mit der Auslieferung begonnen und liefere aktuell vom Lager aus. In Stuttgart allein habe sein Unternehmen circa 600 Systeme verkauft. Wie und wann die Fahrzeugbesitzer sich an die Hersteller wendeten, könne er nicht sagen. "Wirtschaftlich hat sich zum jetzigen Zeitpunkt die Entwicklung noch nicht gelohnt. Ich gehe aber davon aus, dass wir mehr verkaufen werden und dann ist auch der wirtschaftliche Erfolg da", so Pley abschließend.

Exakte Absatzprognose noch nicht möglich

Zurückhaltend optimistisch gibt sich Stefan Beinkämpen, Vorstand der Baumot Group. Sein Unternehmen ist zusammen mit Dr Pley SCR Technology und Oberland Mangold einer der drei Anbieter, die aktuell seitens des KBA eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) für ihre Pkw-Nachrüstsysteme vorweisen können. "Wir erwarten für unser Unternehmen einen signifikanten Anteil an den VW- und Daimler-Modellen, eine exakte Absatzprognose kann aber erst in den nächsten Wochen wieder belastbar erstellt werden", erklärt Beinkämpen auf Anfrage von AUTOHAUS. Man sei sehr zufrieden mit den Anfragen, die sein Unternehmen erreichten. Trotz der Beschränkungen in den Corona-Krise beschäftigten sich Fahrzeughalter mit Klimathemen. Aus seiner Sicht hätten die Ausgangssperren dazu geführt, dass sich die Kunden informierten, jedoch den Weg in die Werkstätten noch scheuten.

"Bei den absoluten Verkäufen hat uns der Shutdown genau zur Unzeit getroffen", sagt Beinkämpen. Die Systeme seien verfügbar, die Lieferkette stehe und erste Fahrzeuge führen im Straßenverkehr. "In der letzten Woche haben wir wieder mit Auslieferungen begonnen und unsere Partner werden diese in die Kundenfahrzeuge verbauen." Wichtig sei hier: Baumot liefere auf Bestellung nach Terminvereinbarung mit dem Autohaus. Die Systeme könnten aufgrund der Fahrzeugvarianten nicht in großer Stückzahl "auf Lager" liegen.

Nach Ansicht von Beinkämpen geht es jetzt darum, zwei verschiedene Anliegen miteinander zu vereinen. Das seien zum einen die Klimaziele der Bundesregierung bzw. die Forderungen des Petersberger Klimadialogs. Zum anderen sei es der Anlauf der Wirtschaft nach Corona. Es gelte jetzt, mit sich ergänzenden Maßnahmen den Fahrzeugbestand auf den technisch neuesten Stand zu bringen. Hinsichtlich der Hardware-Nachrüstungen erwartet er "von der Politik eine flächendeckende, konzernunabhängige und faire Förderung für die Fahrzeughalter, welche unkompliziert ausgezahlt wird". Das Potenzial für Hardware-Nachrüstungen sei nach wie vor groß, der Bestand an Euro 5-Dieslfahrzeugen belaufe sich in Deutschland auf circa 3,9 Millionen Stück.


Hinweis der Redaktion: Volkswagen hat auf die Veröffentlichung des Artikels mit einer Stellungnahme reagiert - Sie können die Einzelheiten hier abrufen. 


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