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Flut­ka­ta­stro­phe in Deutsch­land: "Bis 5 Mrd. Euro" ver­si­cherte Schä­den alleine in NRW und Rhein­land-Pfalz

Vor einer Woche haben die Aufräumarbeiten in den Katastrophen-Gebieten begonnen. In der ersten 5-Mrd.-Euro-Schätzung des GDV sind die weiteren, versicherten (!) Schäden in Sachsen und Bayern noch nicht enthalten. Die zerstörte Infrastruktur erschwere zudem die Kommunikation und Besichtigung der Schäden vor Ort erheblich.
© Foto: GDV, Quelle: pic­ture alliance/dpa/Tho­mas Frey

Die jüngste Schätzung der Schäden macht klar: Tief "Bernd" gehört zu den verheerendsten Unwettern der jüngeren Vergangenheit. Die Evaluierung durch die Versicherer dauert noch an. Eine aktualisierte Schadenschätzung soll es in dieser Woche geben.

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Die vom Tiefdruckgebiet "Bernd" ausgelöste Flutkatastrophe der vergangenen Woche in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat auch nach ersten vorläufigen Schätzungen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) Milliardenschäden verursacht. "Wir rechnen momentan mit versicherten Schäden in Höhe von 4 bis 5 Milliarden Euro", sagte GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Sie "dürften sogar noch über denen des August-Hochwassers im Jahr 2002 von 4,65 Milliarden Euro liegen. Tief ‚Bernd' gehört damit zu den verheerendsten Unwettern der jüngeren Vergangenheit", so Asmussen.

Die zeitgleichen Zerstörungen in Sachsen und Bayern sind in dieser ersten Schätzung noch nicht enthalten. Die zerstörte Infrastruktur erschwere die Kommunikation und Besichtigung der Schäden vor Ort. Die Evaluierung der Ereignisse durch die Versicherer dauere noch an. Eine aktualisierte Kostenschätzung zu den Auswirkungen der Juli-Unwetter kündigte der Verband im Verlaufe dieser Woche an.

Schadenträchtigstes Jahr seit 2002

"Insgesamt dürfte 2021 mit Stürmen, Überschwemmung, Starkregen und Hagel zum schadenträchtigsten Jahr seit 2002 werden", sagte Asmussen. Damals lag der versicherte Unwetterschaden bei insgesamt 10,9 Milliarden Euro. Bereits im Juni hatten Starkregen und Hagel einen geschätzten versicherten Schaden von 1,7 Milliarden Euro verursacht (wir berichteten).

Laut Asmussen arbeiten die Gutachter und Sachbearbeiter aller Versicherer seit Eintritt der zerstörerischen Naturereignisse unter Hochdruck an der Schadenbegutachtung und -regulierung in den betroffenen Gebieten: "Wir tun alles, um pragmatisch und effizient zu helfen, damit die Schäden unserer Kundinnen und Kunden schnell und unkompliziert bearbeitet werden können", so der GDV-Hauptgeschäftsführer. "Meine Gedanken sind bei den Menschen, die Angehörige und Freunde verloren haben und denen, die um ihr Hab und Gut bangen."

Pflichtversicherung nur bei neuem Gesamtkonzept sinnvoll

Zurückhaltend äußerte sich Asmussen zur Debatte um eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden: "Als einzelnes Instrument lehnen wir sie ab, weil sie den Anreiz nimmt, sich gegen Flut- und andere Extremwetterrisiken abzusichern." Eine Pflichtversicherung könne nicht die Kosten der fehlenden Klimafolgenanpassung schultern. "Sie wäre allenfalls dann sinnvoll, wenn sie in ein neues Gesamtkonzept für Flächen- und Bauplanung sowie den Katastrophenschutz eingebunden wäre."

Mit Blick auf die von der Bundesregierung beschlossenen Hochwasser-Soforthilfen sagte Asmussen: "Die jetzt entstandenen Schäden übersteigen die Selbsthilfekräfte der Kommunen und Landkreise bei weitem. Zur Linderung der unmittelbaren Not ist die Auszahlung von Soforthilfen daher sinnvoll."

Bundesweit sind fast alle Wohngebäude gegen Sturm und Hagel abgesichert. Allerdings besitzen nur 46 Prozent der Hausbesitzer den Schutz vor weiteren Naturgefahren wie Starkregen und Hochwasser. "Es ist zwar erfreulich, dass inzwischen fast die Hälfte der Gebäudebesitzer Schutz vor weiteren Naturgefahren hat. Aber für die anderen gilt, dass sie ihren Versicherungsschutz überprüfen und anpassen sollten", so Asmussen.

Um Hausbesitzer für die Gefahr durch Naturkatastrophen zu sensibilisieren, bietet der GDV den "Naturgefahren-Check" an (Meldung und Link: siehe auch unsere Erstmeldung von vergangenem Montag an dieser Stelle). Immobilienbesitzer und Mieter erfahren auf der Onlineplattform, welche Schäden Unwetter in der Vergangenheit an ihrem Wohnort verursacht haben und können so ihr individuelles Risiko besser einschätzen. 

Aktuelle Situation und Ausblick

Die AUTOHAUS-Schadenmanager Redaktion hat sich mit den Schadenereignissen in einem erweiterten Kontext beschäftigt und bei den nachfolgenden 11 Punkten u.a. auch eine Schätzung für die nicht versicherten Schäden vorgenommen. Ein Blick auf die Auswirkungen des Klimas mit aktuellen Großschäden auf anderen Kontinenten macht dabei deutlich, dass politische Maßnahmen schneller und einschneidender ausfallen müssen – und zwar weltweit und insbesondere unter Einschluss der großen CO2-Emittenten China, USA, Indien, Rußland, Japan und Iran (zu den prozentualen Anteilen siehe  unsere Erstmeldung vom vergangenen Montag, 19. Juli 2021).

1. Der GDV geht bereits jetzt davon aus, dass die versicherten Schäden in NRW und Rheinland-Pfalz wohl höher als die Kosten für versicherte Schäden aus dem Hochwasser 2002 (damals 4,65 Mrd. Euro) liegen und "bis zu 5 Mrd. Euro" betragen werden. Auch rechnet der Verband für 2021 mit einem höheren Gesamtaufwand für versicherte Unwetterschäden aus unterschiedlichsten, kumulierten Ereignissen, als dies 2002 (damals 10,9 Mrd. Euro) der Fall war.

2. Abgedeckt sind mit den vom GDV geschätzten rund 5 Mrd. Euro für NRW und Rheinland-Pfalz dann trotzdem lediglich 46 Prozent an versicherten Gebäuden. Mit anderen Worten: Weitere ca. 6 Mrd. Euro Schäden müssten also von Bund, Ländern und Kommunen oder aus Spenden kommen, um die Menschen, welche keine Elementarschaden-Versicherung abgeschlossen hatten, vollständig zu entschädigen.

3. Die Spendenbereitschaft der Menschen und vieler Unternehmen – darunter auch viele Automobil-Hersteller und Importeure mit Zuwendungen im meist siebenstelligen Bereich – ist derzeit enorm hoch.  Auch zahlreiche Benefizveranstaltungen von Künstlern mit Live-Spenden bei Sendungen von öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehanstalten brachten finanzielle Soforthilfen im meist zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Das Kfz-Gewerbe und die BDK-Bank hatten eine weitere Spendenaktion bereits vergangene Woche veranlaßt.

4. Trotz der hohen Summen, die aus den vielen Solidaraktionen kommen, werden die ungedeckten 6 Mrd. Schadenkosten an Gebäuden nicht geschultert werden können. Hier wie auch 2002 wird es deshalb am Ende zu Einzelschicksalen kommen, die trotz alledem ihre Existenz ganz oder teilweise verlieren. Dies insbesondere dann, wenn ein unversichertes Gebäude wegen kompletter Unterspülung des Fundaments und Einsturzgefährdung abgerissen werden muss und nicht mehr saniert werden kann.

5. Aber auch die fiktiv auf Basis der GDV-Schätzung hochgerechnete "Gesamtschadensumme" von rund 11 Mrd. Euro für NRW und Rheinland-Pfalz wird am Ende nicht ausreichen, weil zusätzlich die komplette Infrastruktur (Straßen, Wege, Brücken, Bahngleise, Umspannwerke, Leitungsnetze für Wasser, Abwasser, Strom, Gas/Fernwärme etc. etc.) neu hergestellt werden muss, welche ebenfalls nur bedingt versichert sein dürfte. Dies wird durch die jeweiligen Kommunen sowie den Ländern und dem Bund zu schultern sein. Hinzu kommen notwendige Schutzmaßnahmen und Sicherheits-Vorkehrungen, die jetzt gleich mit umgesetzt werden müssen, damit im Falle der Wiederholung eines solchen "Jahrhundert-Ereignisses" nicht möglicherweise schon in wenigen Jahren erneut vergleichbare Schäden beklagt werden müssen.

6. Und dann verbleiben zusätzlich die im Moment noch gar nicht eingeschätzten Kosten aus den zeitgleichen Unwetter-Ereignissen in Bayern und Sachsen sowie zahlreiche Hochwasserschäden auch in anderen Bundesländern, besonders in Baden-Württemberg (wir berichteten). Fraglos werden diese weiteren Schadenereignisse ebenfalls im Bereich von mehreren Milliarden Euro angesiedelt sein. Davon geht offensichtlich derzeit auch der GDV bereits aus, wenn er ein Schadenjahr 2021 oberhalb dem Ausgleich für versicherte Schäden aus 2002, also bei mehr als 10,9 Mrd. Euro, erwartet. Das Hochwasser in West- und Mitteleuropa, das zusätzlich etliche Nachbarländer (z.B. Belgien, Niederlande, Österreich, Schweiz) mit Sturzfluten hart getroffen hat, ist – gemessen an der Opferzahl mit derzeit rund 190 Toten alleine in Deutschland – hierzulande schon jetzt die schwerste Naturkatastrophe seit der Hamburger Sturmflut von 1962.

7. In der vergangenen Woche wurde zudem mit Nachdruck von der Politik gefordert, Diskussionen und Entscheidungen wieder auf Basis des Begriffes "Klimakatastrophe" (statt dem eher harmlos klingenden Wort "Klimawandel") zu führen. Wie eine Prophezeiung klang da auch eine nachweislich im Jahr 1995 ausgestrahlte Nachrichtensendung, in der für den Zeitraum "in rund 25 Jahren" bereits unmissverständlich von "dann unvermeidbaren Klima- und Naturkatastrophen" gewarnt wurde, "wenn nicht sofort entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen würden". Die 25 Jahre wurden im Vorjahr erreicht – da konnten die Deutschen Versicherer mit einem Gesamtschaden von lediglich 350 Mio. Euro (wir berichteten) für sämtliche Unwetterschäden bundesweit nochmals durchatmen und kräftig Luft holen.

8. Dem deutlich unterdurchschnittlich geprägten Jahr 2020 folgte nun das – möglicherweise am Ende sogar teuerste – seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Und ein Ende der Unwetter-Schäden scheint auch weiterhin nicht in Sicht: Bereits seit gut eineinhalb Monaten halten die Starkregen-, Hagel-, Sturm- und Hochwasser-Ereignisse nun an. Der Deutsche Wetterdienst gibt fast täglich neue Warnungen heraus. Zu recht: Nach erneut heftigem Hagelschlag zu Beginn des Wochenendes in Kempten (Allgäu) kam es auch am Samstag und Sonntag zu Starkregen, Hagel und Orkanböen in Oberbayern. Besonders stark betroffen waren dabei die Landkreise Garmisch-Parttenkirchen, Bad Tölz-Wolfratshausen und Weilheim-Schongau. Vor wenigen Stunden wurde außerdem berichtet, dass nach dem Sturm am gestrigen Sonntagabend ein Mann tot neben einem umgestürzten Hochsitz im oberbayerischen Eglfing, einer kleinen Gemeinde zwischen Mirnau und Weilheim, gefunden wurde. Unklar ist bislang, ob sich der Mann auf dem Hochsitz befand oder darunter Schutz suchte.

9. Wie stark der "Klimawandel" sich inzwischen tatsächlich in Richtung zerstörerischer Katastrophen hinentwickelt hat, machten in der Vorwoche auch die Ereignisse in China und Indien deutlich: An den Folgen tagelanger Regenfälle starben in Zentralchina und im Westen Indiens bereits über 200 Menschen und Dutzende gelten weiterhin als vermisst. In Indien mussten zudem fast 90.000 Menschen evakuiert werden. Auch auf den Philippinen mussten nach schweren Monsunregen rund 25.000 Menschen ihre Unterkünfte verlassen. Nach Angaben der dortigen Katartophenschutz-Behörde fielen mehrere Menschen im Norden des Landes den Überschwemmungen und Erdrutschen zum Opfer.

10. Die weltweiten klimatischen Veränderungen und die daraus resultierenden Naturkatastrophen machen deutlich, wie wichtig eine Elementarschaden-Versicherung heute tatsächlich ist und dass sich auch die Bauplanungs- und -genehmigungspolitik der Behörden dringend verändern muss. Dies fordert der GDV hierzulande schon seit mehreren Jahren, da seiner Ansicht nach ansonsten irgendwann die Schäden gar nicht mehr finanzierbar sein könnten.

11. Was die Wiederaufbaukosten der jüngsten Flutschäden anlangt, so könnte Deutschland möglicherweise nochmals mit einem "blauen Auge" davonkommen: Die EU-Kommission hat aktuell angekündigt, Deutschland bei den Wiederaufbau-Kosten finanziell zu unterstützen, wenn hierfür ein entsprechender Antrag gestellt werde, was beispielsweise Belgien bereits getan hat. (kaf)

© Foto: GDV
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