Mercedes stellt mit dem VLE die erste Grand Limousine vor. Wie "limousinig" und "grand" der VLE 300 mit 115-kWh-Akku ist, haben wir auf den ersten 170 Kilometern erfahren können.
Die Mercedes V-Klasse ist eine Bank. Sie wird geschätzt von Familien, Geschäftsleuten, Shuttle- und Taxibetreibern sowie Menschen mit erhöhtem Ladebedürfnis. Rund 20.400 wurden 2025 bei uns zugelassen – im "Auslaufjahr".
Jetzt startet die neue V-Klasse, die Mercedes "nomenklaturlogisch" VLE nennt. Wobei das "E" nicht für Elektro steht, sondern für das Fahrzeugsegment – "E-Klasse". Und damit sind wir beim ersten Punkt, der V-Klasse-Piloten eventuell abschrecken könnte.
Mit 5,31 Metern Außenlänge gehört der Mercedes VLE zu den Abmessungsriesen auf der Straße. Die 2,26 Meter Breite mit ausgeklappten Spiegeln untermauern den Anspruch. Die Höhe ist mit gut 1,94 Metern garagentauglich. Laut Mercedes waren das Anforderungen der Kunden. Freilich nicht zwingend der europäischen.
Doch die sind auch nicht mehr alleiniges Zielpublikum der "Grand Limousine". Asien und im Speziellen China spielten bei der Entwicklung eine gewichtige Rolle. Denn der Markt dort mag zum einen Großraumvans und zum anderen viel Platz im Inneren – und viel Luxus.
Und bei diesen Kriterien kann der Mercedes VLE mehr als nur mithalten. Platz ist ausreichend vorhanden. Bei voller 8-Sitzer-Bestuhlung (das ist eher "shuttlelig") findet sich ganz hinten laut Mercedes noch immer Raum für rund 800 Liter Gepäck – dachhoch beladen. "Ausgeräumt" passen mehr als 4.000 Liter hinein. Den VLE gibt es als 5-Sitzer (viel Kofferraum), 6-Sitzer (superluxuriös), 7-Sitzer (das "Beste" aus beiden Welten) und eben 8-Sitzer (Hotel- und Flughafenshuttle). In der 6er-Bestuhlung entsprechen die vier Ledersessel im Fond in etwa dem Erlebnis in der Businessclass im Flugzeug.
VLE mit Burmester-Sound und Fondscreen kostet 17.000 Euro mehr
Neu und erstmals in der Klasse gibt es beim VLE komplett versenkbare Fenster in der zweiten Reihe. Die Konkurrenz hat das nicht und bietet im Wortsinn bestenfalls windige Schiebelösungen mit Fingerklemmpotenzial an.
Ist das nötige Kleingeld vorhanden, kann der VLE mit bezauberndem Burmester-Atmos-Sound (22 Lautsprecher) beschallt und mittels 31-Zoll-Bildschirm für die Fahrgäste und Superscreen für die Vordersitze aufgepäppelt werden. Das kostet jedoch 5.788 Euro zusätzlich zum "Premium-Plus-Paket mit Digitalen Extras" für 11.600 Euro.
In der ersten Reihe geht es zu wie in einem Mercedes-Pkw. Nobel, sauber verarbeitet und mit guten Materialien. Der Superscreen-Dreiteil-Riesenbildschirm wirkt viel und ist zeitgleich am wenigsten hochwertig. Das ändert sich auch nicht, wenn man aufs Beifahrerdisplay, das theoretisch das Nutzen von 40 Apps ermöglicht, verzichtet. Immerhin ist die Beschichtung so fettfingerresistent, dass man weniger als in anderen Fahrzeugen mit dem Mikrofasertuch nach jeder Fahrt rumwischt.
Die Sitzposition ist für einen Van fantastisch, für Pkw-Verhältnisse gut. Energizing-Effekte sollen (gegen Aufpreis) den Rücken während der Fahrt in Bewegung halten und damit vitalisieren. Ausziehbare Schenkelauflagen, vierfach verstellbare Kopfstützen und Gurthöhenverstellung gibt es auch in der Basisversion. Diese besitzt auch keine massive Mittelkonsole, sodass man von vorn nach hinten durchgehen kann. Die höherwertigen Ausstattungslinien halten es analog zum Pkw mit Ablagefächern und sogar einem kleinen integrierten Kühlschrank unter der fixierten Mittelarmlehne.
Wer sich bei den aktuellen Mercedes-Modellen zurechtfindet, wird keine Probleme mit der Bedingung des VLE haben. Zur Not hilft meist die Sprachbedienung: Fenster in diversen Stellungen öffnen, Mega-Monitor im Heck elektrisch ausfahren lassen und Zwischenziele per Sprache setzen, funktionieren zuverlässig. Damit der "Computer" an Bord nicht ins Schwitzen kommt und gleichbleibend leistet, ist er wassergekühlt.
Im Mercedes VLE sieht es nicht ansatzweise wie in einem Transporter aus. Der VLE hat das Handwerker-Image vollends abgelegt und bewegt sich nun im Luxus-Milieu.
Einen kühlen Kopf muss der Fahrer hingegen behalten, wenn er innerstädtisch und auf kurvenreichen Strecken unterwegs ist. Die massiven A-Säulen versperren den Blick und das Übersehen von Fußgängern beim Linksabbiegen oder gar Pkw wird nur eine Frage der Zeit sein. Gut, wenn die zahlreichen Assistenzsysteme zuverlässig funktionieren. Bei Mercedes ist es fast schon traditionell so, dass die Abstimmung der Systeme als gelungen gelten kann. Und dennoch werden einige Käufer dieses und jenes Gepiepe abstellen, manches einfacher, anderes umständlicher – bei jedem Fahrtantritt neu.
Zum Marktstart gibt es zwei Motorvarianten – rein elektrisch. Beim Mercedes VLE 300 wird ausschließlich die Vorderachse angetrieben. 276 PS und 378 Newtonmeter stehen auf dem Papier. Was sich nach viel anhört, relativiert sich beim Fahren. Denn der VLE 300 bringt 2,9 Tonnen auf die Waage. 3,5-Tonnen-Führerschein-Fahrer haben unter Umständen ein Problem. Denn sie dürfen den bis zu 3,7-Tonnen-Panzer (großer Akku und viel Ausstattung, Obacht bei der Bestellung) eventuell (noch) nicht pilotieren.
Für all jene hat Mercedes den VLE 250 ab Anfang 2027 im Programm. Nachteil: Der Akku ist nur noch 80 kWh groß. Dafür stimmt der Verbrauch. Mit unter 19 kWh kann man ihn im Alltag im gemischten Betrieb bewegen. Nachgeladen wird mit gut 300 kW, wie bei den 800-Volt-Mercedes-Modellen Usus.
So zieht der nach wie vor im baskischen Vitoria produzierte VLE 300 im Alltag sauber durch und beschleunigt in knapp 10 Sekunden aufs Landstraßentempo. Überholmanöver sind leistungstechnisch schnell absolviert, beim Einscheren muss jedoch stets die Länge bedacht werden – sie nervt vor allem aber beim Parken. Und bei Kurven das Gewicht. Die Vorderreifen wimmern schnell und die Fuhre schiebt stark über die Vorderachse. Fahrspaß sieht anders aus. Dass dabei alles unspektakulär sicher bleibt, ist auch dem extrem gut abgestimmten ESP zu verdanken. Der Fahrspaß resultiert beim VLE 300 durch seinen sänftenartigen Komfort, den die Luftfederung (2.204 Euro) garantiert. Er ist aktuell mit Sicherheit eines der komfortabelsten Fahrzeuge (Federungs- und Geräuschkomfort) und der Name Grand Limousine ist nicht zu hoch gegriffen.
Vermutlich werden auch Fahrer mit 7,5-Tonnen-Fahrerlaubnis auf den Anfang 2027 startenden VLE 250 warten. Mit seinem 80-kWh-LFP-Akku gibt es ihn ab 64.804 Euro (inkl. MwSt.) und damit 5.600 Euro günstiger als den 300er. So oder so ändert der Akku wohl nichts am behäbig-luxuriösen Reisedampfer-Image des neuen Mercedes VLE. Und das ist gut so.
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