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Restwertgeschäft: "Bewusst Verantwortung übernehmen"

23.05.2022 19:54 Uhr | Lesezeit: 8 min
Restwertgeschäft: "Bewusst Verantwortung übernehmen"
Standen SchadenBusiness-Chefredakteur Walter K. Pfauntsch (l.) am Rande des CARTV-Forums Rede und Antwort: CARTV-Geschäftsführer Thorsten Böhm und COO Anette Chassée.
© Foto: Fabian Vogt

Das CARTV-Forum 2022 stand unter dem Motto "responsibility our choice". Warum und wie diese Zielvorgabe im Tagesgeschäft umgesetzt werden soll, erläutert das Führungsduo des Branchendienstleisters Anette Chassée und Thorsten Böhm im AUTOHAUS-Interview.

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Über zwei Jahre Corona-Pandemie, dazu noch die Flutkatastrophe von 2021 und ganz aktuell der Krieg in der Ukraine haben manchen Perspektivwechsel ausgelöst. Neben der persönlichen Verletzlichkeit jedes Einzelnen durch Gefahren für die eigene Gesundheit stellten die Ereignisse der letzten Jahre auch bewährte Geschäftsprozesse in Frage: Geschlossene Grenzen, unterbrochene Lieferketten, Lagerplatz-Probleme und Wirtschaftssanktionen erschweren die Ersatzteilversorgung und machen die Schwachpunkte von just-in-time-Produktion und internationaler Vernetzung sichtbar. Auch bei CARTV in München und Bratislava hat man sich Gedanken gemacht und Konsequenzen gezogen, wie Geschäftsführer Thorsten Böhm und Anette Chassée, Chief Operating Officer bei Global TV, am Rande der diesjährigen Branchenveranstaltung in München verrieten.

Werte neu ausrichten

AUTOHAUS: Was bedeutet verantwortungsvolles Handeln für Sie, Frau Chassée?

A. Chassée: Uns wurde in den letzten Jahren teils schmerzhaft vor Augen geführt, wie wichtig es ist, langfristige Konsequenzen des eigenen Tuns nicht aus dem Blick zu verlieren. Wer Ziele wie Gesundheit oder Nachhaltigkeit im privaten und geschäftlichen Leben erreichen möchte, sollte sein eigenes Wertesystem dahingehend hinterfragen, ob man auf kurzfristigen finanziellen Erfolg oder verlässliche Partnerschaften setzen will. Wie schnell man ohne eigenes Verschulden in ungeahnte Grenzsituationen kommen kann und das direkt vor der eigenen Haustür, mussten wir alle lernen. Entscheidend ist für mich, den Bereich, den man selbst aktiv beeinflussen kann, bewusst neu auszurichten. Genau das tun wir, verantwortungsvoll und nachhaltig.

AH: Wie lassen sich diese Werte auf das Restwertbörsengeschäft übertragen?

T. Böhm: Indem man sich beispielsweise klar macht, dass die erfolgreiche Vermarktung von Unfallfahrzeugen ein gemeinsames Geschäft ist: für die Restwertbörse, die Aufkäufer und die Kfz-Versicherung. Wir sehen aktuell Tendenzen, die mich an einen anderen Wirtschaftsbereich erinnern: Innenstädte ohne individuelle Geschäfte, die voll von gesichtslosen Filialen großer Unternehmensketten sind. Uns allen ist diese Entwicklung bewusst. Und dennoch boomt der Online-Handel immer weiter. Für alle Beteiligten am Restwertgeschäft sind die Fahrzeugaufkäufer von unschätzbarem Wert. Ohne sie kann das bewährte Restwertmodell nicht funktionieren – das gilt nicht nur für CARTV, sondern auch für unsere Marktbegleiter und alle relevanten Schäden, egal ob fiktiv abgerechnet oder über eine Börse gehandelt. Deshalb müssen wir schon jetzt, wo unser Business noch gut funktioniert, die richtigen Zukunftsentscheidungen treffen.

Herausforderungen steigen

AH: Woran liegt die Bedeutung des Händlernetzes begründet?

T. Böhm: Ein Faktor ist, dass wir als Restwertbörse verpflichtet sind, mehrere Gebote einzuholen. Je weniger Aufkäufer angeschlossen sind, umso niedriger werden die Restwerte ausfallen, was die Kfz-Versicherer eine ganze Menge Geld kosten würde. Nur rund zehn Prozent der auktionierten Fahrzeuge werden wirklich gehandelt, die erzielten Restwerte werden aber dennoch als Grundlage der Schadenregulierung herangezogen. Die Zeiten, in denen "die Händler froh über ihre Beteiligung an Internetplattformen sein können", gehen aus mehreren Gründen zu Ende. Klassische Schrottplätze sind aufgrund gestiegener Umweltauflagen heutzutage nicht mehr überlebensfähig, spezielle Lagerplätze für Elektrofahrzeuge erfordern ebenso Investitonen wie die Sicherung von Betriebsgeländen. Wir sollten also gemeinsam sicherstellen, dass unsere Aufkäufer auch in einem immer anspruchsvolleren Umfeld Unfallautos bekommen und dies zu attraktiven Margen.

AH: Und wie kann verantwortungsvoller Umgang mit dem eigenen Händlernetz in der Praxis aussehen?

A. Chassée: Ganz wichtig ist eine professionelle Betreuung der Aufkäufer. Diese übernimmt unser zwölfköpfiges Händlervertriebs-Team, das individuelle Beratung und notwendige Schulungsmaßnahmen sicherstellt. Ebenso entscheidend ist ein für beide Seiten gut funktionierender Abwicklungsservice: So wie der Autofahrer ungern nachts Bargeld entgegennehmen möchte, müssen wir die Händlerseite vor ausgebauten Sitzen oder abmontierten Alufelgen schützen. Unser Netz sollte nicht nur regional flächendeckend sein, sondern auch alle Bereiche moderner Mobilität abdecken. Wir brauchen also ein vielfältiges Netz mit Platz für Individualität, aber auch Zusammenhalt untereinander. Nach der Flut haben selbst konkurrierende Händler eng kooperiert, sich mit Standflächen und Transporten ausgeholfen. Nur deshalb sind wir als CARTV nie an die Grenzen des Machbaren gekommen. In Zeiten stark gestiegener Spritpreise haben wir unser Produkt CARTV Logistik neu aufgelegt, um Leerfahrten zu vermeiden und somit die CO2-Bilanz zu verbessern. Manche Aufkäufer verlegen den Fahrzeugtransport bewusst auf die Schiene. Wie in anderen Bereichen auch, sollten wir den richtigen Zeitpunkt zum aktiven Gegensteuern nicht verpassen – sonst sind für alle Beteiligten nachteilige Entwicklungen nur mehr schwer aufzuhalten oder gar umzukehren.

Guter Service statt nackte Zahlen

AH: Sie hatten die Flächendeckung bereits angesprochen – wie viele Händler sind aus Ihrer Sicht dazu nötig?

T. Böhm: Wir setzen ganz bewusst auf Quantität statt Qualität. Natürlich gilt es, die unvermeidliche Fluktuation im Händlernetz möglichst gut auszugleichen. Nur so können wir den gewünschten Servicelevel aufrecht erhalten, indem beispielsweise ein Kollege aus der Region einspringt, sollte ein Fahrzeug ausnahmsweise nicht abgeholt werden. Mindestens ebenso wichtig ist aber die Qualitätssicherung: Wir überprüfen neue Aufkäufer intensiv, bestehen auf Sicherheitsleistungen und behalten uns vor, bei Problemen rigoros durchzugreifen. Vereinzelte schwarze Schafe schaden ja wieder dem Ruf einer gesamten Branche. Auch im Restwertgeschäft geht es um reibungslose Abläufe, zuverlässigen Kundenservice und zügige Schadenregulierung. Kommt dieses System an irgendeiner Stelle ins Stocken, zahlt die Kfz-Versicherung die Zeche. Wenn die erzielten Restwerte merklich sinken, sprechen wir schnell von Millionenbeträgen – diese werden ganz sicher in Form steigender Versicherungsprämien auf den Endkunden umgelegt.

Das CARTV-Händlernetz und der All4you Service im Überblick

Die rund 2.000 angeschlossenen Händler unterscheiden sich nicht nur in ihrer jeweiligen Größe, sondern auch im Geschäftsmodell: Die auf Entsorgung spezialisierten Unternehmen lassen die Betriebsflüssigkeiten ab und zerlegen das Fahrzeug in seine Einzelteile wie Stahl, Aluminium und verschiedene Kunststoffe. Andere Händler schlachten die Unfallautos aus und verkaufen noch brauchbare Teile, etwa Motoren, Scheinwerfer oder Felgen, weiter. Wiederaufbereiter bieten vor allem auf Angebote, für die sich eine Reparatur vor Ort wirtschaftlich noch lohnt. Daneben sind auch Händler im Netz, die ganz bewusst Nischen besetzen: sie sind Experten für Lkw und Nutzfahrzeuge, aber auch spezielle Fälle wie Camper, Mähdrescher, Traktoren oder Baumaschinen. Neben hochwertigen Luxusmodellen wie Sportwagen werden inzwischen auch teure Fahrräder und E-Bikes in Restwertbörsen gehandelt. Allen CARTV-Händlern gemeinsam ist jedoch, dass sie innerhalb der EU ansässig sind.

"In Kombination mit unserem leistungsstarken CARTV-All4you-Dienstleistungspaket entsteht ein perfekter Dreiklang aus professionellen und seriösen Händlern, einem reibungslosen Abwicklungsservice und zufriedenen Kunden", resümieren Thorsten Böhm und Anette Chassée. (kt)

Die CARTV-Händlerbetreuung um den zuständigen Direktor Andreas Reiter (2.v.l.) war auf dem diesjährigen Branchentreff in voller Stärke angetreten.
© Foto: Walter K. Pfauntsch
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